Brandbrief gegen den Krieg:

Wie arabische Intellektuelle Saddam Hussein stürzen wollen

 Autorin: Claudia Kuhland 

 Seit Wochen und Monaten beschäftigt ein möglicher Krieg gegen den Irak die Weltöffentlichkeit wie kein zweites Thema. In diesen Tagen könnte die Entscheidung über eine militärische Intervention fallen. Noch bevor in der kommenden Woche in New York über eine Verlängerung der UN-Waffeninspektionen im Land am Tigris abgestimmt wird, ließ US-Präsident George W. Bush in seiner Rede zur Lage der Nation keinen Zweifel daran, dass er zu einem Waffengang entschlossen ist - notfalls auch ohne Mandat der UN.

Während vor dem Hintergrund der Zuspitzung der Irak-Krise in Europa fast täglich neue diplomatische Allianzen für oder wider einen Krieg am Golf geschmiedet werden, hat Washingtons unverhohlenes Rüsten nicht nur der Friedensbewegung diesseits und jenseits des Atlantiks Auftrieb gegeben, sondern auch in den arabischen Nachbarstaaten Ängste vor einer Destabilisierung der Region mit unabsehbaren Folgen ausgelöst. Die Risiken, die ein Krieg birgt, sind kaum kalkulierbar. Ägypten, Saudi-Arabien oder Jordanien warnten daher wiederholt vor einem Waffengang, der den Nahen und Mittleren Osten ins Chaos stürzen könnte.

Längst ist die Irakkrise in den arabischen Medien zum beherrschenden Thema geworden. Immer häufiger haben sich in jüngster Zeit Intellektuelle in der heftig geführten Debatte um die Zukunft im Land am Tigris und in der Region zu Wort gemeldet. Dabei mehren sich die Stimmen derjenigen, die es wagen, entgegen dem alten Gebot panarabischer Solidarität gegenüber der verhassten Supermacht USA offen das Regime Saddam Husseins anzuprangern und zugleich über die Etablierung von mehr Demokratie und Bürgerrechten im arabischen Raum nachzudenken.

Die Initiative von Chibli Mallat und Ghassan Tueni

Ein Bespiel für diesen Versuch, zwischen allen Fronten neue Wege zu beschreiten, ist die mutige Friedensinitiative zweier arabischer Intellektueller, die seit Jahren für Menschenrechte und Pressefreiheit streiten. Im letzten Moment wollen sie eine amerikanische Intervention doch noch verhindern, Saddam Hussein zum Rücktritt bewegen und den gesellschaftlichen Wandel und die Demokratisierung in den arabischen Ländern vorantreiben. Ins Leben gerufen haben den Appell "Demokratischer Irak" der libanesische Anwalt Chibli Mallat, international bekannt durch seine Bemühungen, Israels Premier Scharon wegen Kriegsverbrechen im Libanon 1982 in Belgien vor Gericht zu bringen, und der renommierte Chefredakteur der libanesischen Tageszeitung "an-Nahar", Ghassan Tueni.

Die Politik Washingtons lehnen die beiden Initiatoren ab. Ihnen geht es vor allem darum, eine Katastrophe in der Region zu verhindern und den Menschen im Irak weiteres Leid zu ersparen. "Um das Land und die Leute zu retten, muss die Diktatur verschwinden, ohne Amerika nachzugeben", sagt Ghassan Tueni. "Die arabischen Staaten sollen initiativ werden und darauf drängen, dass Saddam geht." Um das zu erreichen, zielen sie auf die Mobilisierung einer Massenbewegung in der arabischen Welt. Die Chancen dafür, meint Chibli Mallat, stehen nicht schlecht: "Es gibt in der arabischen Welt ein gemeinsames Gefühl, dass das Ende des Regimes nahe ist, ein Gefühl des Wechsels". Diese Stimmung wollen sie nutzen.  

Zugleich entwerfen sie Pläne für die Zeit nach Saddam. "Es reicht nicht, das Ende des Regimes zu fordern", sagt Chibli Mallat. "Wir schlagen vor, dass Menschenrechtsinspektoren der UNO den friedlichen und demokratischen Übergang garantieren." Auf die zersplitterte irakische Exil-Opposition setzen sie bei der Demokratisierung ebenso wenig wie auf westliche Dominanz. Stattdessen hoffen sie auf die unterdrückten Regimegegner im Land selbst. "Es gibt eine stille Opposition im Irak, die wir nicht kennen, eine Art Grass-roots-Opposition, aber sie ist da", meint Ghassan Tueni. 

Zu den gut ein Dutzend namhaften Unterzeichnern der Initiative gehört unter anderem der Schriftsteller Elias Khoury, der als einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren nicht nur des Libanon, sondern der arabischen Welt überhaupt gilt. Der Herausgeber der Kulturbeilage der Tageszeitung "an-Nahar" setzt sich seit Jahren für die kritische Aufarbeitung der Bürgerkriegsvergangenheit seines Landes sowie für Presse- und Meinungsfreiheit ein. Yousri Nasrallah, einer der wichtigsten ägyptischen Regisseure, unterstützt ebenfalls den Appell. Nasrallah, der 1972 in der Studentenbewegung gegen Sadat aktiv war, ist durch Filme wie "Sommerdiebe" und "El Medina - Die Stadt" auch in Europa  bekannt geworden.